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  • Manuela Broz

Vergleichen mit anderen macht dich unzufrieden und unglücklich. Wir sagen warum.

Aktualisiert: Juni 10



Der dänische Philosoph, Essayist und Theologe lebte von 1813 bis 1855 und kam weit vor unserer digitalen Entwicklung zum Schluss, dass die Schablone des Vergleichens nur zu einem führt: Nämlich zu Unzufriedenheit.

Gerade durch digitale Vergleichsökonomie kann - auch am Arbeitsplatz - der Statusstress zunehmen, Ausgrenzung stattfinden oder der Eigenwert abnehmen. Wir laden Sie ein über digitale Fallen nachzudenken.

Wir sind eine Gesellschaft des Vergleichens. Auf den sozialen Plattformen wird uns täglich aufgezeigt, wie erfolgreich, schön und glücklich alle sind. Schliesslich reden die wenigsten über ihre Niederlagen, Frustrationen oder Probleme in den sozialen Medien, so dass man die Hürden vergleichen könnte. Aber auch das würde kaum Sinn machen, denn wer vergleicht, macht gleich. Genau da liegt das Problem der Verhaltensökonomie begraben; es geht um das Vergleichen von Verhalten und Leistung: „Quantifizierung des Sozialen meint, dass wir Komplizen und zugleich Zeugen einer Entwicklung sind, im Zuge derer immer mehr gesellschaftliche Phänomene vermessen, durch Zahlen beschrieben und beeinflusst werden“ (Mau, 2018, S. 23).

Falle 1: Querdenker und Andersdenker können ausgegrenzt werden

Wenn unser Verhalten vermessen wird und diese Daten in einer datenbasierten Wirtschaft und Gesellschaft Einzug halten, erzeugt dies eine zunehmende Vergleichung und Normierung von Menschen und deren Verhalten und Leistung. Statistische Auswertungen können getätigt werden, je mehr Daten zur Verfügung stehen; dies wiederum führt dazu, dass diese Daten für die Durchsetzung von Normwerten sorgen. Zeitgleich wächst die Gefahr, dass Menschen in vorbestimmte Diagnosefelder und Grenzen eingeteilt werden, wodurch das Risiko von Ausgrenzung steigt, wenn Menschen abseits der Norm stehen (vgl. Herzog, 2017, S. 31).

Der Umgang mit Messung und Vergleichbarkeit steht in diesen Überlegungen im Zentrum; vor allem die Frage, was ist sinnvoll zu vermessen und zu vergleichen?

Heisst vermessen nicht auch, etwas falsch zu messen, sich zu irren? Heisst vermessen nicht auch unangemessen oder überheblich?

Mit der Interpretation der Worte Messen und Vergleichen kann die kritische Frage aufgeworfen werden, wo denn die Trennlinie zwischen guten und schlechten Messungen läuft und wie denn neue Ordnungsformen durchgesetzt werden. Dann nämlich, wenn Quantifizierungen institutionalisiert und zu Beurteilungsmassstäben für Verhalten oder Leistungen werden und diese letztlich bestimmen, wie Dinge zu sehen oder zu bewerten sind (vgl. Mau, 2018, S. 23.f.).

Persönliche Vertrauens- und Loyalitätsbeziehungen werden auch innerhalb eines Unternehmens festgehalten und mit der Sprache der Zahlen zum Ausdruck gebracht: Rankings bei Mitarbeiterbewertungen, Leistungsmessung und Controlling verweisen auf den strategischen Umgang mit Zahlen, schliesslich heisst es in der Sprache der Börse, dass Unternehmen, die mit guten Zahlen glänzen, auch mit hohen Kurswerten belohnt werden (vgl. Mau, 2018, S.33f.). Die soziale Anschlussfähigkeit von solchen Vergleichen ist deshalb gegeben, weil die Öffentlichkeit daran teilhaben kann, denn Rankings, über die niemand spricht, sind überflüssig. Deshalb sind diejenigen, die gut abschneiden bei Rankings, daran interessiert, ihre Ergebnisse öffentlich zu machen, während die anderen Grund haben, die Ergebnisse zu verschweigen oder anzuzweifeln (vgl. Mau, 2018, S. 60).

Falle 2: Vergleiche führen zu Dillemmatas und Wertekonflikten

Wenn der Kurier A eines Auslieferungsanbieters für eine Strecke weniger Zeit braucht, als die Kollegen B und C, kann der Vorgesetzte mit einem internen Ranking Kurier A besonders hervorheben und belohnen. Schliesslich schafft er es in kürzester Zeit seine Aufgabe zu erledigen im Vergleich zu anderen Mitarbeitenden. Möglicherweise fühlen sich die Mitarbeitenden B und C angespornt, künftig ihre Leistung zu steigern, eventuell fühlen sich die Mitarbeitenden dadurch unter Druck und Stress gesetzt oder demotiviert, wenn sie einfach nicht an die Leistungen von A anknüpfen können. Der Vorgesetzte hat aber auch die Wahl, auf Rankings zu verzichten, wonach jeder Kurier seines Unternehmens so lange Zeit braucht, wie er benötigt, mit der Gefahr, dass er weniger effizient ausliefert als seine Konkurrenz oder alle Mitarbeitenden sich insgesamt verlangsamen, weil kein Anreiz für Leistung besteht. Wenn Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit im Widerspruch stehen, anstatt in Ergänzung zueinander, beeinflusst dies das Unternehmensklima und die Zufriedenheit negativ.

Falle 3: Sinkendes Selbstwertgefühl und psychische Belastung

Interessant ist die Betrachtung, was die Messbarkeit und Vergleichbarkeit mit dem Selbstbild eines Menschen macht. Positive und häufige Bewertungen führen unweigerlich zu höherem Status. Die Schattenseite liegt gemäss Mau in der Theorie sozialer Vergleichsprozesse, wo er Festinger (1954) zitiert, der sagt, dass die Vergleichsneigung grösser ausfällt, je unsicherer eine Person in der eigenen sozialen Position und der damit verbundenen Selbstwahrnehmung ist (vgl. Mau, 2018, S. 65f.).

Damit wird die Abhängigkeit vieler Menschen von Bewertungen unterstrichen, die regelrecht zu Statuspanik und Statusstress führen können, weil sie das Gefühl haben, sich immer mehr anstrengen zu müssen, um ihren Status zu verteidigen. Diese Menschen werden empfindlicher für Signale der Statusvergewisserung (Wie viele Likes habe ich bekommen? Wie ist die Reaktion auf meinen Post? Wer hat reagiert auf meine Aktion, wer nicht? Wie habe ich abgeschnitten im Vergleich zu anderen Posts?).

Damit ist auch erklärt, warum die subjektive Unsicherheit von Individuen in Wettbewerbsgesellschaften mit einer erhöhten Überprüfung der Statusinformation im Alltag Platz findet. Das Veröffentlichen eines Beitrages wird ständig überprüft auf die Resonanz anderer. Die Abhängigkeit von Wertschätzung anderer steigt und kann mit der Eigenwertschätzung kaum mithalten (vgl. Mau, 2018, S. 66).

In seinem Buch „Das metrische Wir“ zitiert Mau Heinz Budes’ Überlegungen zur Unterscheidung zwischen Innen- und Aussengeleitetheit: „Der seelische Kreiselkompass innerer Gleichgewichtsbildung wird durch das soziale Radargerät der Registrierung der Signale anderer ersetzt.“ (Budes, 1958, zitiert nach Mau, 2018, S. 66).

„Das ‚Wer bin ich?‘ konvergiert dann mit dem ‚Wo stehe ich?‘, eine Frage also, die unmittelbar zum Vergleich und zur Quantifizierung des Sozialen hinführt“ (Mau, 2018,

S. 66f.).

„Daten machen sichtbar und legen fest, wer wir sind, wo wir stehen, wie andere uns sehen und was uns erwartet“ (Mau, 2018, S. 24). Da jeder Mensch nach Wertschätzung strebt, werden die Bewertungsdimensionen nicht nur miteinander verglichen, sondern stimulieren zeitgleich auch Konkurrenzgefühle und Wettbewerb. In diesem Steigerungsspiel gibt es kein Plateau der Sättigung, in dem man sich über das Erreichte freuen könnte oder in Ruhe auf das Erreichte zurückblicken kann, sondern wir tun uns immer schwerer, eine Leistung oder eine Form der Attraktivität in ihrem Eigenwert zu schätzen (vgl. Mau, 2018, S. 68).

Die Kunst besteht nicht darin, sich denselben Massstäben anderer zu stellen und sie zu übertreffen; dieses Denken führt lediglich zu Mittelmass und kann nur unzufrieden machen. Die Kunst besteht darin, sein eigenes Ding zu machen und eigene Duftmarken zu setzen und sich über den kleinkarierten Vergleichswettbewerb zu stellen - gerade bei der Gestaltung digitaler Vergleichsökonomie liegt es in der Unternehmensverantwortung, eine gesunde Unternehmenskultur zu gestalten in welcher nicht durch Zufall ihre Mitarbeitenden „vermessen“ gemessen werden.

Manuela Broz

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Literatur:

Herzog, E., Sigrist, (2017) Zukunft digitale Schweiz, Wirtschaft und Gesellschaft weiterdenken. Zürich: Economiesuisse, Selbstverlag.

Mau, S. (2018). Das metrische Wir: Über die Quantifizierung des Sozialen (Erste Auflage ed., Edition Suhrkamp. Sonderdruck). Berlin: Suhrkamp.


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